Geburt in der Nacht

Für die Familie Bill aus Thunstetten wurde das Geburtserlebnis im Spital Langenthal zu einem unvergesslichen Moment und für ihr Kind zu einem guten Start ins Leben.

Geplant war ein Kaiserschnitt. «Es kam ganz anders, als wir dachten», sinnieren die glücklichen Eltern Mirjam und Oliver Bill. Tobias hat nämlich beschlossen, in der Nacht vor der Operation spontan auf die Welt zu kommen. Nicht nur überraschend, sondern auch schnell. Betreut von Hebamme Christine Herren, in enger Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Team, wurde die natürliche Geburt zu einem einzigartigen Ereignis.

TOBIAS, 2910 Gramm und 47cm, geboren am 4. Juli 2019, 2.27 Uhr im Spital Langenthal: Gleich zwei geschmückte Bäumchen und zwei bunte Geburtstafeln stehen beim Einfamilienhaus in Thunstetten und verkünden das freudige Ereignis. Das Mutterglück ist Mirjam Bill ins Gesicht geschrieben, als sie zusammen mit ihrem Mann Oliver über die Geburt von Tobias erzählt. Stolz deutet ihr zweijähriger Sohn David auf den Stubenwagen, in welchem sein Brüderchen selig schlummert.

Aufgrund einer Beckenendlage hat Mirjam Bill ihr erstes Kind mit Kaiserschnitt geboren. Als Vorsichtsmassnahme hat ihr ihre Gynäkologin Dr. med. Kasia Clavadetscher auch für das zweite Kind die Geburt mit Kaiserschnitt empfohlen, falls es bis zum 4. Juli nicht von selbst auf die Welt kommt.

«Zwei Tage vor der Operation wurde im Spital die übliche Vorsorgeuntersuchung gemacht und anderntags brachten wir David zu meinen Eltern. Alles war organisiert und ich fühlte mich entspannt und gelöst», erzählt Mirjam Bill. Die Spitaltasche war fertig gepackt. Sie schaute ein bisschen Fernsehen und schluckte zwei Tabletten zur Vorbereitung auf den Kaiserschnitt. «Kurz nach meinem Mann wollte ich auch schlafen gehen. Da ich nicht mehr auf dem Rücken liegen konnte, setzte ich mich aufs Bett. Als alle fünf Minuten Wehen einsetzten, haben wir mit der Hebamme telefoniert. Jacqueline Räber riet mir, ein warmes Bad zu nehmen.» Kurz nach Mitternacht kamen die Kontraktionen nun regelmässig, alle zwei bis drei Minuten. «Ich habe notiert, wie häufig die Wehen auftreten und wie lange die Abstände dazwischen sind», erinnert sich Oliver Bill. Und daran, dass sie bereits auf dem Weg Richtung Langenthal nach einigem Zögern nochmals zurückfuhren, weil er das Smartphone vergessen hatte.

Es ist halb zwei Uhr, als sie im Spital Langenthal eintreffen und Oliver Bill noch rasch die «Storchenparkkarte» besorgt. Empfangen werden wir von Hebamme Jacqueline Räber. «In den Gebärsälen herrscht Hochbetrieb; mit uns waren es insgesamt vier Geburten. So werde ich zunächst in den Vorbereitungsraum geführt», erklärt Mirjam Bill. Bald darauf platzt die Fruchtblase und Jacqueline Räber avisiert sofort Christine Herren. Mittels eines CTG misst die Hebamme die Herztöne des Kindes und die Wehentätigkeit der Mutter. Beim Ertasten der Geburtsöffnung konstatiert sie, dass der Muttermund schon weit geöffnet ist. Das wird nicht mehr lange dauern. Nun wird kurz das Bett gewechselt. Die Wehen werden kontinuierlich stärker und schmerzhafter. «Vom Hörensagen wusste ich, das könnte Stunden dauern, und fragte mich, wie ich das aushalte. Nachdem ich mein erstes Kind mit Kaiserschnitt geboren hatte, besass ich keine Erfahrung mit einer Spontangeburt», erzählt Mirjam Bill.

Christine Herren spürt ihre Unsicherheit und reagiert einfühlsam und kompetent. «Sie verströmte eine wohltuende Ruhe. Ich fühlte mich jederzeit geborgen», betont Mirjam Bill. Oliver Bill nickt zustimmend. «Frau Herren war genial. Sie hat mir gezeigt, wie ich den Kopf meiner Frau am  besten stütze, damit sie während der Presswehen gut atmen kann.» Mit einem liebevollen Blick auf ihren Mann bestätigt Mirjam Bill, wie wertvoll seine Unterstützung war: «Ich war in der Seitenlage. Er hat mir den Rücken massiert und ganz fest die Hand gehalten.» Unmittelbar vor der Geburt  telefoniert die Assistenzärztin Agnes Balog dem Chefarzt der Frauenklinik. Mitten in der Nacht, in Jeans, eilt Dr. med. Daniele Bolla in den Gebärsaal: «Entschuldigen Sie, es ist nicht Zeit zum Grüssen», und im gleichen Moment «begrüsst» der neugeborene Tobias die Welt. «Ein unbeschreibliches Glücksgefühl, das ich viel intensiver wahrgenommen habe als nach der Entbindung mit Kaiserschnitt. Vielleicht auch deshalb, weil keine Spontangeburt geplant war», zeigt sich Mirjam Bill berührt.

Gross war auch die Freude der Hebammen. «Das gesamte Team gratulierte mir zu der natürlichen Geburt ebenso wie meine Frauenärztin Kasia Clavadetscher. Sie kam frühmorgens vorbei und meinte lächelnd: «Eigentlich habe ich Sie um acht Uhr im Operationssaal erwartet.» Nach drei Tagen durfte Mirjam Bill nach Hause, wo sie und der neue Erdenbürger von einer freiberuflichen Hebamme weiter begleitet werden.

Die Hebamme als «Sonnenseite des Spitals»
Christine Herren hat Nachtpikett und gerade eine Stunde geschlafen, als sie der Anruf aus dem Spital erreicht. Dass ihr Auto nicht anspringen will, ist leider kein Alptraum. Glücklicherweise ist der Wagen ihrer Eltern sofort startklar. «Ich war um 1.50 Uhr im Gebärsaal und untersuchte Frau Bill mit einem CTG. Bereits drückte das Köpfchen des Babys gut nach unten. Ich habe ihr das schmerzende Kreuz mit ätherischem Geburtsöl massiert und sie motiviert, es sei schon weit fortgeschritten. Sie war nicht  PDA-indiziert und für eine Schmerztherapie keine Zeit mehr vorhanden.» Um 2.27 Uhr wird Tobias geboren. Die Hebamme nennt die Geburtszeit auswendig und erinnert sich, dass die strahlenden Eltern meinten: «Danke, dass Sie und Dr. Bolla für uns mitten in der Nacht aufgestanden sind. Deshalb haben wir auch zügig vorwärtsgemacht.»

«Jede Geburt ist für alle Beteiligten wie ein Geschenk», sagt Christine Herren, die ihren Beruf engagiert und mit viel Freude ausübt. Sie bezeichnet sich als physiologisch eingestellte Hebamme. Das bedeute, nahe bei der Frau zu sein, die Geburt mit ihr gemeinsam zu erarbeiten. So wenig Schmerzmittel wie möglich, so viel wie nötig, lautet ihr Credo. Sanfte Alternativen wie Akupunktur, Aromatherapien oder eine Wassergeburt können helfen, Schmerzen zu lindern. Nicht jede Frau hat das gleiche Schmerzempfinden und jede Gebärende erlebt die Kontraktionen anders. Wichtig: Der Wunsch der Frau steht an erster Stelle.

Auf die Frage, weshalb sie Hebamme geworden ist, erklärt die junge Frau, dass es ihr wichtig war, etwas Sinnvolles zu wählen, etwa, bei dem sie Menschen helfen kann. Medizin habe sie ebenfalls fasziniert. «Natürlich ist die Tätigkeit streng und die Verantwortung riesig. Auch die Umstellung auf die Schitarbeit ist nicht einfach Aber es ist unglaublich motivierend, in diesem «coolen» Team zu arbeiten, verbunden mit den Glücksgefühlen, jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird», sagt Christine Herren.

Magie der Nacht
«Wir bestärken die Frauen in ihrem Wunsch nach einer natürlichen Geburt. In einer warmen Atmosphäre mit unterstützender Begleitung sorgen wir für Voraussetzungen, die eine natürliche Geburt begünstigen. Dass Wehen meistens in der Nacht beginnen, könnte daran liegen, dass sich die Frauen in einer entspannten Ruhephase befinden», sagt Chefarzt Dr. med. Daniele Bolla. Nachts sind die Abläufe gleich wie tagsüber, eine moderne Infrastruktur gewährleistet grösstmögliche Sicherheit und Betreuung. Trotzdem ist die Stimmung nachts anders. Die ruhige Atmosphäre überträgt sich sowohl auf die Gebärenden wie auf die Mitarbeitenden. Zudem kann in jedem der vier schönen Gebärzimmer mit Musik und Licht ein persönliches Ambiente gestaltet werden. Die farblichen Effekte verändern die Stimmung im Raum und wirken gleichermassen beruhigend.

Patientin (und Familie) stehen im Mittelpunkt
Daniele Bolla hebt die Eins-zu-eins-Betreuung durch die Hebammen hervor, ebenso das grosse gegenseitige Vertrauen: «In unserer Geburtshilfe arbeiten wir Hand in Hand nach den modernsten Methoden, welche im Sinne unseres ganzheitlichen Verständnisses von Pflege und Betreuung auch alternative Angebote beinhalten. In kritischen Situationen stehen selbstverständlich alle nötigen medizinischen Einrichtungen bereit, um jederzeit professionell intervenieren zu können.»

Dialog zwischen Mutter und Kind
Der amerikanische Physiologe Peter Nathanielsz erklärt: «In der 37. bis 39. Schwangerschaftswoche steigt das Wehenhormon Oxytocin um Mitternacht stärker als zu jedem anderen Zeitpunkt. Ob das allerdings die Erklärung ist, wisse er nicht. Er finde es schön, dass die Geburt geheimnisvoll bleibt, denn sie ist ein ganz inniger Dialog allein zwischen Mutter und Kind.»

Vertrauensverhältnis
«Abends sind die Wände ruhig», bestätigt Ruth Erhard, Bereichsleiterin Frauenklinik. Eine spezielle Zeit, nicht nur deshalb, weil die rege Betriebsamkeit im Spital fehlt. Auch draussen wird es stiller. Beginnt eine Geburt in den Abendstunden, zieht sich diese oft bis in den erwachenden Morgen. Und mit dem neuen Tag beginnt ein neues Leben.

Laut Volksmund sollen in Vollmondnächten überdurchschnittlich viele Babys geboren werden. Auch wenn die Mondphasen mit dem Menstruationszyklus einer Frau verbunden sind, lässt sich  ein Zusammenhang zwischen Vollmond und der Anzahl spontaner Geburten nicht nachweisen», lautet das Fazit von Ruth Erhard. Zur ganzheitlichen Schwangerschaftsbetreuung wird eine Hebammensprechstunde angeboten. Sie ist eine wichtige Ergänzung zur ärztlichen Schwangerschaftskontrolle und bietet eine umfassende Betreuung. Für eine optimale Nachbetreuung zu Hause sollte schon während der Schwangerschaft eine freiberufliche Hebamme kontaktiert werden.

Auch im Wochenbett engagiert sich ein eingespieltes Team aus Hebammen, Stillberatung, Pflegefachpersonen und Ärzten dafür, dass sich die Mütter vollumfänglich auf das Kennenlernen ihres neugeborenen Kindes und die Babypflege konzentrieren können.

Neues Angebot: Beleghebamme
Wenn gewünscht, werden die Frauen schon während der Schwangerschaft von einer Beleghebamme im Spital Langenthal begleitet und die werdenden Eltern während der Geburt unterstützt. Nach dem Austritt wird die Familie zu Hause weiterbetreut.


Diverse Möglichkeiten der Schmerzlinderung

Über medikamentöse Schmerztherapien während der Geburt informiert Dr. med. Helena Popp, Leitende Ärztin Anästhesiologie. «Klassischer Fall: gegen zwei,  drei Uhr nachts meldet sich die Hebamme aus dem Gebärsaal, dass eine Patientin eine Peridural-Anästhesie (PDA) braucht», sagt  Dr. med. Helena Popp: «Diese wirkungsvolle und schonende Methode der geburtshilflichen Schmerzlinderung wird von den Hebammen dann beigezogen, wenn eine medikamentöse Behandlung indiziert oder gewünscht wird. Gerade bei Geburten muss es oft schnell gehen und wir müssen je nach Dringlichkeitsstufe innert Minuten bereit sein.» Deshalb ist rund um die Uhr ein Arzt des Anästhesieteams im Haus.

Die Schmerzempfindlichkeit ist subjektiv und die Geburt wird von jeder Frau unterschiedlich empfunden. «Dabei spielen mehrere Faktoren, wie Angst und Verspannung, eine Rolle. Mit einer individuell angepassten Schmerztherapie nimmt man den Frauen die Spitze der Wehen. Auch die Motorik ist weitgehend intakt; die Frau kann sich relativ frei bewegen und beim Pressen mitarbeiten. Durch die entsprechende Dosierung und Konzentration des Medikamentes werden die Schmerzen stark reduziert oder ganz ausgeschaltet. Es werden meistens keine zusätzlichen Medikamente mehr benötigt, falls ein Dammschnitt erforderlich ist bzw. nach der Entbindung genäht werden muss», erläutert Helena Popp.

Die PDA kann ein wertvolles Hilfsmittel sein bei extremen Geburtsschmerzen, lang dauernden Geburten oder erschöpften Patientinnen. «Unsere erfahrenen Hebammen können das sehr gut einschätzen und rufen uns an, wenn sie beispielsweise eine Patientenkontrollierte Analgesie (PCA) benötigen. Bei dieser Methode kann sich die Gebärende die Schmerzmittel intravenös mittels Druckknopf selber verabreichen», sagt die Anästhesistin und hält fest: «Generell gilt es, bei allen schmerzlindernden Verfahren bei Schwangeren eine Risiko-Nutzen-Abwägung zu machen, Ausschlusskriterien sowie die ungefähre Zeit bis zur Geburt miteinzubeziehen.»

Bei geplanten Kaiserschnitten wird die Narkose in der Anästhesiesprechstunde vor dem Eingriff besprochen und die Daten aufgenommen. Am häufigsten wird die Spinalanästhesie (Teilnarkose) angewandt; sie ist gleichzeitig am schonendsten für Mutter und Kind.

Eine besondere Herausforderung sind Zwillingsgeburten. Dabei sind gleich drei Patienten zu betreuen und deshalb ist neben einem zweiten Anästhesisten zusätzliches Personal erforderlich. «Falls es die Situation  erfordert, beispielsweise bei  einem Notfallkaiserschnitt, sind wir unmittelbar bereit. Zudem  besteht ein sehr enger Kontakt mit dem Inselspital Bern und der Rettungsflugwacht», betont Helena Popp und fügt an, dass regelmässig Weiterbildungen absolviert werden. Auch hausintern, zusammen mit den Hebammen, der Wochenbettpflege und den Gynäkologen, wird dreimal jährlich die Reanimation von Neugeborenen an Puppen trainiert. «Dies fördert neben dem Fachwissen und der Sicherheit auch den Teamgeist. Es freut mich, als Anästhesistin meinen Teil beitragen zu können, damit die Geburt für Mutter und Kind ein einzigartiges Erlebnis wird», sagt Helena Popp. 

zurück zur Übersicht

Tip-A-Friend

Seite Empfehlen

Seite weiterempfehlen