Nachts auf dem Notfall...

Das Notfallzentrum eines Spitals ist sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag offen und  stets gewappnet für alle möglichen Fälle. Vom lebensbedrohlichen Herzinfarkt bis zum Sonnenbrand. Wer jedoch nur eine Bagatelle hat, muss unter Umständen etwas länger warten. Denn leer ist der Notfall am Spital Langenthal nie. Nicht einmal nachts. 

Marianne Hiltbrunner, pflegerische Leiterin der Notfallstation am Spital Langenthal, ist eine erfahrene Pflegefachfrau mit Zusatzdiplom für Notfallpflege. Wir treffen uns Anfang der Spätschicht zum gemeinsamen Kaffee. Sie weiss, es wird während der nächsten acht Stunden keine Zeit mehr dafür geben, selbst dann nicht, wenn der  Notfall im Normalbetrieb läuftund nicht ‒ wie immer häufiger der Fall ‒ regelrecht überfüllt ist.

Der Übergaberapport findet im Rapportraum statt. Die Tagesschicht erzählt: «Koje 2, Tür, Zeynep Kühlshe*, 95er-Jahrgang, Tonsillennachblutung nach einer Tonsillektomie, schon zweimal nachoperiert, geht in die HNO nach Bern, wir warten auf die Verlegung.» «Beat Moser, 84er-Jahrgang, Ober- und Unterbauchschmerzen, Labor zeigte Pankreatitis, Koje 3, Fenster.» «Koje 7, Tür, David Ineichen, wartet auf die Verlegung, das Venflon im CT gelöst, beim EKG auf der 3er-Ableitung Senkungen, hyperton, aber es geht schon besser.»

Wer keine medizinische Fachperson ist, versteht nur Bahnhof. Marianne Hiltbrunner übernimmt zwei Kojen, so werden die Patientenzimmer im Notfall genannt, schreibt sich das Wichtigste auf und macht gleich die Runde: «Guten Tag, mein Name ist Hiltbrunner, ich bin die Pflegefachfrau und für sie zuständig. Wie geht es Ihnen? Darf ich kurz schauen, wurde schon Fieber gemessen? Wenn Sie was brauchen, drücken Sie hier die Klingel.» Routiniert, schnell, aber nie gehetzt. Die Patienten sind dankbar. «Im Notfall muss jeder Handgriff sitzen, kein Weg sollte umsonst gemacht werden», sagt Marianne Hiltbrunner, «sonst können wir das Pensum schlicht nicht bewältigen.»

Bis zu 70 Patienten suchen durchschnittlich jeden Tag das Notfallzentrum des Spitals Langenthal auf. Kleinere Fälle werden abends und am Wochenende von 13 bis 19 Uhr in die Notfallpraxis weitergeleitet, so wird die Hausarztpraxis im Notfall genannt. Manche gehen auch ins Notfallambulatorium zur Nachkontrolle, wenn sie wegen ihres Leidens etwa schon einmal im Spital gewesen sind.

An diesem Abend um 19 Uhr ist es erstaunlich ruhig. Das kann aber jeden Moment rasch ändern. Deshalb wird akkurat darauf geachtet, dass etwa die Behandlungswagen stets mit medizinischem Material nachgerüstet sind, dass die Kojen sofort wieder für einen neuen Patienten bereit gemacht werden oder Blutuntersuchungen so rasch wie möglich in die Analyse gehen.

Dr. med. Damian Rüsges ist der Ärztliche Leiter des Notfallzentrums. Er sagt: «Als man die Räume hier vor über 18 Jahren gebaut hat, gab es Tage, an denen nur 5 Patienten kamen. Heute  sind es über 24 000 pro Jahr. Viele Patienten sind sich nicht bewusst, dass ein Spital keine unendlich grossen Ressourcen hat.» Deshalb wird im Notfallzentrum nach Priorität und nicht nach Reihenfolge des Erscheinens behandelt. Wer also mit einem Husten auf den Notfall kommt, muss damit rechnen, mehrere Stunden zu warten, weil gleichzeitig vielleicht zwei lebensbedrohliche Situationen aufgetreten sind, die das gesamte Personal fordern. Das kann durchaus auch mal zu Reklamationen führen. Zum grossen Ansturm kommt hinzu, dass auch Gewalt und Aggressionen im Notfall ein zunehmendes Problem sind, nicht nur in der Nacht, wenn Patienten auch mal stark alkoholisiert sind. «Die Polizei ist ein häufiger Gast bei uns», sagt Damian Rüsges. In der Küche hängt ein Merkblatt, wie man sich bei aggressiven oder übergriffigen Patienten verhalten soll.

Marianne Hiltbrunner wird in die Koje 8 gerufen. Eine Patientin mit Anämie (Blutarmut) erhält ein Erythrozyten-Konzentrat. Das Vieraugenprinzip vor der Verabreichung ist Pflicht, da ein kleiner Fehler tödliche Folgen haben könnte. Zwischendurch richtet sie das Bett neu, desinfiziert die Matratze.

Der Vater einer vierjährigen Tochter meldet sich spätabends telefonisch an, seine Tochter habe Sonnenbrand an der Stirne. Der Vater lässt  sich nicht beruhigen, er will unbedingt vorbeikommen.
«Viele Patienten kommen um 9 Uhr  morgens, der nächste Peak findet um 15 Uhr statt und dann noch einmal gegen 20 Uhr», sagt Marianne Hiltbrunner. Am meisten Patienten gibt es am Wochenende, dann finden auch die meisten Freizeitunfälle statt.

Nach 20 Uhr ist Marianne Hiltbrunner auch für die Patientenaufnahme und die Triage zuständig. Eine Frau, auffällig tätowiert, raue Stimme, spricht gebrochen deutsch, ist mit ihrer jungen Kollegin hier, die Unterleibsschmerzen hat. Ihre junge Kollegin kann kein Deutsch. Selbstzahlerin, die Rechnung wird nach der Behandlung bar beglichen.

Eine ältere Dame erscheint mit ihrer Tochter, unklare Schwindelsymptome, auffällige Werte. Marianne Hiltbrunner nimmt Blut, «Vorsicht, jetzt gibt es einen unangenehmen Pieks», füllt routinemässig vier Röhrchen ab, schreibt ein Elektrokardiogramm, beschriftet die Röhrchen, füllt das Laborblatt aus, ein Häkchen bei «Medizini-sche Routine», legt die Röhrchen in den Zylinder der Rohrpost, der sich mit einem Rauschen Richtung Labor verabschiedet. Einige Sekunden später fällt der Zylinder mit einem dumpfen Plopp ins gepolsterte Körbchen des Labors im Untergeschoss des Spitals. Hier arbeitet Barbara Christen, biomedizinische Analytikerin, mutterseelenallein. 

Das Labor ist im Halbdunkeln, Kühlgeräte summen, Zentrifugen surren. «Während der ersten Nachtdienste ist man schon ziemlich nervös und hofft, dass kein Gerät aussteigt.» Aber Barbara Christen, seit 20 Jahren im Labor des Spitals Langenthal, lässt sich heute nicht mehr so rasch aus der Ruhe bringen, auch wenn es pressiert. «Ich verstehe natürlich, dass man die Resultate immer möglichst rasch haben möchte. Aber eine medizinische Routineanalyse dauert nun mal mindestens vierzig Minuten und nachts will je nachdem auch der Operationssaal oder die Geburtenabteilung rasch Resultate haben.»

Als interdisziplinäre Notfallstation deckt das Spital Langenthal alle Disziplinen ab. Das heisst, auch mitten in der Nacht muss ein Operationsteam innert Minuten bereit sein für einen Eingriff. Sind Spezialärztinnen und -ärzte zu Hause auf Pikett,kommen sie sofort vorbei, wenn es die Situation erfordert.

Pflegende und Ärzte, die im Notfall arbeiten, müssen regelmässig Spät- und Nachtdienste leisten. «Ich arbeite gerne nachts», sagt Simon Dietrich, welcher Marianne Hiltbrunner vom Spätdienst ablösen wird, «denn nachts ist die Zusammenarbeit im Team toll, die Atmosphäre intimer und die Hierarchie etwas tiefer. Man hat mehr Zeit für die Patienten.»

Marianne Hiltbrunner erscheint um 23 Uhr als Letzte zum Patientenrapport. Kurzfristig musste sie eine neue Patientin in Empfang nehmen, Blut abnehmen und den Auftrag ins Labor schicken. Im Pflegebüro, wo die PC-Arbeitsstationen stehen und alle notwendigen Patienteninformationen auf einem grossen Screen abgebildet sind, rapportiert sie rasch und präzise an die Nachtschicht und geht danach nach Hause. Am nächsten Morgen um 7 Uhr wird sie bereits wieder da sein.

* Alle Namen geändert.

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