Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht

Sucht hat viele Gesichter. Aber eines haben fast alle gemeinsam: eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem positiven Gefühl, nach Anerkennung oder Liebe, nach Aufmerksamkeit, Ruhe, nach Vergessen, innerem Frieden. Und in den allermeisten Fällen entwickelt sich eine Sucht auch nicht von heute auf morgen, sondern langsam, schleichend, Schritt für Schritt. Dr. med. Manuel Moser, Chefarzt der Psychiatrischen Dienste der SRO AG, erklärt Hintergründe, Auswirkungen und Lösungen dieser komplexen Krankheit.

Ist Sucht eine Krankheit?
Manuel Moser erklärt: «In wissenschaftlichen und professionellen Kreisen spricht man heute nicht mehr von ‹Sucht›, sondern von ‹Abhängigkeit›, um zu verdeutlichen, dass es sich dabei um Krankheiten handelt. Zudem wird ein Unterschied gemacht zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit, d. h. von von aussen zugeführten Substanzen oder von gewissen Verhaltensweisen.»

Wie entsteht eine Abhängigkeit?
«Der Mensch ist von Natur aus neugierig, will Neues entdecken, dazulernen und freut sich über einen Lernerfolg. Unser Gehirn verwendet dafür zum einen ein System, um erfolgreich neue Dinge erlernen und diese auch verankern und wiederholen zu können, und zum anderen das sogenannte Belohnungssystem.

Gewisse Substanzen oder Verhaltensweisen können nun diesen Lernerfolg oder die Belohnung imitieren, was dazu führt, dass in unserem Körper Stoffe ausgeschüttet werden, was uns als lernbegierigen Wesen natürlich gefällt – und deshalb möchten wir mehr davon, viel mehr. Darüber hinaus lindern diese Substanzen auch unangenehme Gefühle oder sogar Schmerzen.»

Kann jeder Mensch abhängig werden?
«Man kann sagen, dass jeder Mensch ‹empfindlich› ist, in irgendeiner Richtung eine Sucht zu entwickeln. Dies kann, wie bereits erwähnt, entweder durch künstliche, von aussen zugeführte Substanzen geschehen oder durch ein bestimmtes Verhalten. Beide Dinge können in unser Belohnungssystem eingreifen und den Menschen entsprechend beeinflussen.»

Warum entwickeln manche Menschen eine Abhängigkeit und andere nicht?
«Ob jemand eine Abhängigkeit entwickelt oder nicht, hängt primär von drei Faktoren ab:

  • Die Verletzlichkeit eines Menschen im Allgemeinen. Dieser Faktor ist vor allem genetisch bedingt.
  • Die Lebenserfahrung eine Menschen. Was hat der Mensch bisher in seinem Leben alles erlebt, was ihn positiv oder negativ beeinflusst hat.
  • Die momentane Situation. Die aktuellen Lebensumstände, wie z. B. ein grosser Einschnitt in das persönliche Leben, können oft ein Auslöser sein, in ein Suchtverhalten zu verfallen. Psychisch erkrankte Menschen sind hier besonders gefährdet.

Zudem sind die Übergänge von normalem Konsum zum schädlichen Konsum und schliesslich zur Abhängigkeit oft fliessend. Dies sieht man bei Alkohol besonders gut.»

Wie kommt man zur Einsicht, dass man süchtig ist?
«Die meisten Menschen spüren es selber recht genau, aber es ist schwierig, sich das einzugestehen. In den schweren Fällen fehlt den Betroffenen oft die Fähigkeit, dies selber beurteilen zu können, wie ihnen auch die Fähigkeit oder der Wille zum Aufhören fehlen kann. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass bei einer vorliegenden Abhängigkeit externe Hilfe gebraucht wird, um sich der Abhängigkeit zum einen bewusst zu werden und zum anderen auch davon loszukommen. Einem Abhängigen einfach das Suchtmittel wegzunehmen, ist keine Lösung und gerade bei Alkohol möglicherweise sogar lebensgefährlich. Ein Patient kann in ein Delirium verfallen, welches bei etwa 10% zum Tod führt.»

Wie funktioniert eine erfolgreiche Therapie?
«Es existiert keine Standardtherapie, die man auf jeden Menschen anwenden könnte. Da die Biografie eines jeden Menschen einzigartig ist, sind auch die Gründe und Auslöser für eine Abhängigkeit individuell. Und genauso individuell muss auch die Behandlung erfolgen.

Bei einer Abhängigkeit von Substanzen ist medizinisch eine kontrollierte ‹Entgiftung› möglich, man muss aber parallel auch das Verhalten ändern:
Das menschliche Verhalten ist oft ritualisiert. Daher müssen vorhandene Rituale, die im direkten Zusammenhang mit der Abhängigkeit stehen, durchbrochen und neu definiert werden. Man muss Schritt für Schritt Verhaltensweisen neu ritualisieren, einen Ersatz finden und ebenfalls mit einem positiven Gefühl verbinden. Gleiches gilt für Verhaltensweisen, die abhängig machen wie zum Beispiel Spielsucht, Sexsucht, Sucht nach Adrenalinausstössen, Essen oder übermässigem Arbeiten.»

«Man sollte von sich selber nicht erwarten, dass man nie mehr rückfällig wird.»

Wie kann ein Rückfall verhindert werden?
«Diese Frage wird von Anfang an thematisiert, denn man sollte von sich selber nicht erwarten, dass man nie mehr rückfällig wird. Diese Erwartungshaltung kann einen enormen Druck ausüben, dem man irgendwann nicht mehr standhalten kann. So legen wir den Fokus darauf, Risikofaktoren individuell abzuklären und anzusprechen. Betroffene müssen lernen, dass es auch anders geht und man diesen ‹Kick› nicht mehr braucht, um glücklich zu sein. Man lernt auch, seine eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Und wenn jemand einen Rückfall hat, ist es umso wichtiger, sich sofort zu melden und sich nicht zu schämen und zurückzuziehen. Denn nur so kann man gemeinsam wieder einen Schritt in die richtige Richtung gehen.»

Welche Rolle spielen Familie und Freunde?
«Familie und Freunde sind für abhängige Menschen enorm wichtig, denn sie können ein grosser Rückhalt sein. Entscheidend ist, dass sie die Betroffenen nicht verurteilen, sondern sie unterstützen, selbst aktiv zu werden und etwas gegen die Abhängigkeit zu tun. Viele Angehörige suchen bei sich nach einer Mitschuld für die Abhängigkeit eines geliebten Menschen. Hier ist wichtig, zu erkennen, dass der Betroffene für sich selber verantwortlich ist und nur er selber an dieser Situation auch etwas ändern kann. Angehörige müssen sich auch immer wieder die Frage stellen, was sie noch ertragen können, ohne selber Schaden zu nehmen. Spätestens dann sollte man beim Hausarzt oder bei entsprechenden Fachstellen Rat und Hilfe suchen.»

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