Meyer: «Verluste können wir uns nicht mehr leisten»

 

Werner Meyer (46) hat keine leichte Aufgabe gewählt: Der Anwalt und frühere Langenthaler FDP-Gemeinderat ist seit vier Monaten neuer Verwaltungsratspräsident ad interim der Spital Region Oberaargau (SRO). Im Interview schildert er die Rezepte für die schwierige Spitalzukunft. Und er erzählt von seinem Kaltstart in der Branche.


Herr Meyer, welchen Bezug haben Sie zum Spital Langenthal?
Ich muss zugeben: noch nicht sehr lange einen grossen. Ausser dass ich in der Nähe des Spitals wohne (lacht). Ein unmittelbarer Bezug hat sich erst in letzter Zeit ergeben ...


... seit Sie neuer Verwaltungsratsvizepräsident der Spital Region Oberaargau (SRO) geworden sind.
Ja. Hinzu kommt, dass meine beiden Töchter im Spital Langenthal zur Welt gekommen sind. Und ich selber bin auch schon in unserem Spital operiert worden.


Welchem Eingriff mussten Sie sich denn unterziehen?
Das ist ein Arztgeheimnis (lacht). Spass beiseite: Es war nur ein kleiner operativer Eingriff.


Seit September präsidieren Sie den Verwaltungsrat ad interim. Was reizt Sie an diesem Amt?
Das Gesundheitswesen an sich interessiert mich. Zudem habe ich Erfahrung in diversen Verwaltungsräten.


Ihr Antritt war von langer Hand geplant?
Das kann man so sagen. Ich bin bereits 2009 nach meinem Rücktritt aus dem Gemeinderat von der SRO kontaktiert worden. Und zwar von Stadtschreiber Daniel Steiner, dem damaligen Vizepräsidenten des SRO-Verwaltungsrats. Er musste wegen Amtszeitbeschränkung zurücktreten. Und es wurde wieder ein Jurist gesucht, der die olitischen Mechanismen kennt und in Langenthal wohnt. 

 

Aber es ging dann doch schneller als geplant.
Ja. Plötzlich hiess es, es sei sogar ein Verwaltungsratspräsident gesucht. Da habe ich zuerst leer geschluckt. Das musste ich mir schon überlegen. Und ich habe verlangt, auch andere Möglichkeiten seien zu prüfen.


Sie haben dann aber zugesagt.
Ja. Weil der damalige Verwaltungsratspräsident Dieter Widmer wegen Amtszeitbeschränkung ebenfalls nicht mehr weitermachen konnte. Und er trat zudem wegen des Wechsels in die Direktion der SRO noch vorzeitig zurück. Deshalb erfolgte der Einstieg in die heutige Position viel «stotziger», als ich mir gewünscht hatte. Ich hatte mir eine längere Einarbeitungsphase erhofft. Im Juni dieses Jahres wurde ich in den Verwaltungsrat gewählt. Und ich wurde gleich Vizepräsident. Seit September präsidiere ich das Gremium nun bereits ad interim.


Sie sind Partner in einer Anwaltskanzlei. Mussten Sie diese Tätigkeit reduzieren?
Nein. Der Regierungsrat verlangt einzig eine genügende zeitliche Verfügbarkeit. Und natürlich musste ich alle meine Interessenbindungen offenlegen.


Was bedeutet das im Hinblick auf die Anwaltskanzlei?
Eigentlich gar nichts. Es gibt ja auch keine Berührungspunkte. In der Advokatur beraten und vertreten wir primär KMU und Private. Unternehmen aus dem öffentlichen oder halböffentlichen Sektor sind wenige dabei.


Wie viel Zeit investieren Sie in Ihr neues Amt?
Im Schnitt einen Tag pro Woche.


Wie beurteilen Sie heute Ihren Einstieg bei der SRO?
Als sehr spannend. Ich bin überall sehr gut aufgenommen worden. Aber das Metier «Spital» war und ist tatsächlich sehr neu für mich. Aber ich bin bestrebt, täglich dazuzulernen. Dabei bin ich mir auch nicht zu schade, unseren Fachleuten «dumme» Fragen zu stellen. Ich denke, der Einstieg ist mir recht gut gelungen.


Wie hoch ist Ihre Entschädigung?
Diese ist vom Regierungsrat vorgegeben: Ein normales Mitglied im Verwaltungsrat erhält 10500 Franken pro Jahr. Für den Präsidenten sind es 24500 Franken. Hinzu kommen Sitzungsgelder und ein Spesenanteil. 

Sie als Neuling haben weniger Know-how als die Spitaldirektion, die Sie kontrollieren sollten. Ist das ein Problem?
Klar, dieses Gefälle ist vorhanden. Spasseshalber habe ich vor meiner Wahl einmal zu Dieter Widmer gesagt, dass ich mich freue, unter ihm als Verwaltungsratspräsident ad interim zu wirken. Vorerst ist er als stellvertretender Spitaldirektor auch in den Sitzungen des Verwaltungsrats dabei. Das war wegen des Know-how-Erhalts mein Wunsch. Aber ich muss auch nicht jedes Detail unseres Betriebs verstehen. Die grossen Zusammenhänge und Weichenstellungen sind wichtig. Und ich hole auf, ich sauge alles Neue in mich auf.

 

Sie als Neuling haben weniger Know-how als die Spitaldirektion, die Sie kontrollieren sollten. Ist das ein Problem?
Klar, dieses Gefälle ist vorhanden. Spasseshalber habe ich vor meiner Wahl einmal zu Dieter Widmer gesagt, dass ich mich freue, unter ihm als Verwaltungsratspräsident ad interim zu wirken. Vorerst ist er als stellvertretender Spitaldirektor auch in den Sitzungen des Verwaltungsrats dabei. Das war wegen des Know-how-Erhalts mein Wunsch. Aber ich muss auch nicht jedes Detail unseres Betriebs verstehen. Die grossen Zusammenhänge und Weichenstellungen sind wichtig. Und ich hole auf, ich sauge alles Neue in mich auf.

 

Warum braucht die SRO einen Juristen im Verwaltungsrat?
Ich nenne ein Beispiel: Bei den neuen Verträgen für die Kaderärzte habe ich mich bisher am stärksten eingebracht. Da ging es primär um obligationenrechtliche Fragen.


Mit diesen neuen Verträgen ist nicht alles optimal gelaufen.
Das stimmt. Wir sind fälschlicherweise davon ausgegangen, dass den Informationsund Mitwirkungsrechten der Ärzte genügend Rechnung getragen wurde. Aber dem war nicht so. Diese Defizite haben wir mittlerweile aufgearbeitet. Wir haben die Vorbehalte der Ärzte unterschätzt.


Kürzlich ist eine frühere Assistenzärztin vom Spital Langenthal der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen worden. Beim Prozess prangerte ihr Anwalt das Spital an.
Den Fall kenne ich nur aus den Medien. Nach der Berichterstattung über den Prozess habe ich Direktor Andreas Kohli kritische Fragen gestellt. Ich wollte wissen, ob an den Vorwürfen etwas dran ist und welche Überprüfungen und Konsequenzen dieses tragische Ereignis zur Folge hatte. Ich konnte mich davon überzeugen, dass ein individueller und kein Systemfehler vorlag.


Die SRO ist nach den Spitalschliessungen und dem laufenden Ausbau des Spitals Langenthal auf guten Wegen. Wo sehen Sie weitere Herausforderungen?
Ich winde meinen Vorgängern für die umsichtige Planung und das vorausschauende Handeln ein Kränzchen. Und der Ausbau des Spitals ist ein Husarenstück. Dennoch bleiben die Sorgen: Unsere Fallkosten sind immer noch zu hoch. Im Vergleich mit anderen Spitälern im Kanton sind wir noch zu weit hinten. Was muss die SRO machen, damit die Fallkosten sinken?
Wir haben eben das Budget für 2012 verabschiedet. Die SRO musste mit dem
Stellenabbau und der Schliessung des Akutstandorts Niederbipp schwierige
Entscheide fällen. Aber dank dieser Einschnitte rechnen wir für 2012 mit einer
schwarzen Null. Wir wissen aber schon heute, dass wir in den Folgejahren weitere
Einsparungen im siebenstelligen Bereich machen müssen.
Wie soll das gehen?
Die moderne Infrastruktur des um- und ausgebauten Spitals wird sicher zur
Kostensenkung beitragen. Aber bei den Einsparungen sind wir heute tatsächlich an
einem Punkt angelangt, wo es schmerzt. Deshalb muss das Ziel sein, neue Patienten
anzuziehen, damit die Fallzahlen und die Einnahmen steigen.
Das dürfte schwierig werden bei einem kleinen Einzugsgebiet von rund
70'000 Einwohnern.
Es ist sinnlos, über die Grösse der Region zu lamentieren. Wir müssen unseren guten
Ruf durch eine hohe Qualität fördern. Die bereits heute sehr hohe
Patientenzufriedenheit führt hoffentlich dazu, dass sich möglichst alle Oberaargauer
Patienten bei der SRO behandeln lassen – und dass künftig noch ein paar Luzerner,
Solothurner und Aargauer mehr zu uns kommen. Die Fallzahlen können wir auch
gezielt durch neue Angebote steigern.
Sie machen jetzt also Werbung im Luzerner Hinterland.
Unsere SRO-Zeitschrift wird zum Teil bereits ausserkantonal verteilt. Im Thal-Gäu
und im Luzerner Hinterland. Aber eigentliche Werbekampagnen sind keine geplant.
Wir setzen uns dafür ein, dass sich möglichst alle früheren Patienten des Spitals
Niederbipp in Langenthal behandeln lassen. Das ist heute leider nicht der Fall. Am
Jurasüdfuss spüren wir die Konkurrenz der Spitäler im Kanton Solothurn.
Ab 2012 gilt die neue Spitalfinanzierung. Ist die SRO bereit?
Ja, wir sind startklar. Zum ersten Mal existiert tatsächlich so etwas wie ein freier
Markt. Das begrüsse ich. Aber das heisst für uns auch, dass der Kanton dieses Jahr
zum letzten Mal seinen Fallschirm ausbreitet, um das Defizit auszugleichen. Verluste
und sinkende Fallzahlen können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. Wir bekämen
ein Riesenproblem.

 

Was muss die SRO machen, damit die Fallkosten sinken?
Wir haben eben das Budget für 2012 verabschiedet. Die SRO musste mit dem Stellenabbau und der Schliessung des Akutstandorts Niederbipp schwierige Entscheide fällen. Aber dank dieser Einschnitte rechnen wir für 2012 mit einer schwarzen Null. Wir wissen aber schon heute, dass wir in den Folgejahren weitere Einsparungen im siebenstelligen Bereich machen müssen.


Wie soll das gehen?
Die moderne Infrastruktur des um- und ausgebauten Spitals wird sicher zur Kostensenkung beitragen. Aber bei den Einsparungen sind wir heute tatsächlich an einem Punkt angelangt, wo es schmerzt. Deshalb muss das Ziel sein, neue Patienten anzuziehen, damit die Fallzahlen und die Einnahmen steigen.


Das dürfte schwierig werden bei einem kleinen Einzugsgebiet von rund 70'000 Einwohnern.
Es ist sinnlos, über die Grösse der Region zu lamentieren. Wir müssen unseren guten Ruf durch eine hohe Qualität fördern. Die bereits heute sehr hohe Patientenzufriedenheit führt hoffentlich dazu, dass sich möglichst alle Oberaargauer Patienten bei der SRO behandeln lassen – und dass künftig noch ein paar Luzerner, Solothurner und Aargauer mehr zu uns kommen. Die Fallzahlen können wir auch gezielt durch neue Angebote steigern.


Sie machen jetzt also Werbung im Luzerner Hinterland.
Unsere SRO-Zeitschrift wird zum Teil bereits ausserkantonal verteilt. Im Thal-Gäu und im Luzerner Hinterland. Aber eigentliche Werbekampagnen sind keine geplant. Wir setzen uns dafür ein, dass sich möglichst alle früheren Patienten des Spitals Niederbipp in Langenthal behandeln lassen. Das ist heute leider nicht der Fall. Am Jurasüdfuss spüren wir die Konkurrenz der Spitäler im Kanton Solothurn.


Ab 2012 gilt die neue Spitalfinanzierung. Ist die SRO bereit?
Ja, wir sind startklar. Zum ersten Mal existiert tatsächlich so etwas wie ein freier Markt. Das begrüsse ich. Aber das heisst für uns auch, dass der Kanton dieses Jahr zum letzten Mal seinen Fallschirm ausbreitet, um das Defizit auszugleichen. Verluste und sinkende Fallzahlen können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. Wir bekämen ein Riesenproblem. 

© Lan­gen­tha­ler Tag­blatt, 04.​10.​2011

 

© Berner Zeitung, 23.​12.​2011