|
St. Urbanstrasse - Heute öffnet die neue Gemeinschaftspraxis mit vorläufig zwei Hausärzten - weitere werden gesucht
Für Andreas Bieri ist die neue hausärztliche Gemeinschaftspraxis an der St. Urbanstrasse 40 ein Meilenstein. Längst könnte der 68-jährige Langenthaler Hausarzt am Strand oder in den Bergen seinen Ruhestand geniessen. Stattdessen hat er sich seit Jahren unermüdlich für eine Gemeinschaftspraxis eingesetzt. Aus verschiedenen Gründen: die Überalterung der Langenthaler Hausärzte – keiner der sechs Allgemeinmediziner mit eigener Praxis ist unter 55 Jahren. Dazu fehlt es am Nachwuchs: Die Schweiz bilde knapp vor Portugal im Verhältnis zur Einwohnerzahl am zweitwenigsten Ärzte in Europa aus, sagt Bieri.
Und er präsentiert weitere Zahlen: In der Schweiz falle auf etwa 1600 Einwohner ein
Arzt – in der Region Langenthal sind es 2100 Einwohner pro Arzt. «Unsere Gemeinschaftspraxis braucht also keine Werbung », sagt er schmunzelnd. Jetzt hat Bieri sein Ziel erreicht: Heute öffnet die «Haslipraxis» ihre Türen. Bieri wird vorläufig als Hausarzt weiterarbeiten, aber maximal zwei Jahre. Geleitet wird die Praxis vom Allgemeinmediziner Samuel Leuenberger. Für Dieter Widmer, stellvertretender Direktor des Spitals Region Oberaargau (SRO), ist diese Eröffnung «ein bedeutender Moment für Langenthal».
Das SRO ist Trägerin der Gemeinschaftspraxis, die Ärzte und die medizinischen Praxisassistentinnen sind Angestellte des Spitals. Leuenberger arbeitete bereits seit längerer Zeit als Oberarzt für das SRO. Er verfolgte zusammen mit Bieri bereits früher ein Projekt für eine Gemeinschaftspraxis. Die ersten drei von Bieri ausgearbeiteten Varianten scheiterten allerdings aus finanziellen Gründen oder mangels Platz. Schliesslich sei es Spitaldirektor Andreas Kohli gewesen, der dem jetzt realisierten Projekt den nötigen Schub gegeben habe, so Bieri. Laut Leuenberger handelt sich bei der «Haslipraxis» um eine konventionelle Hausarztpraxis. «Wir sind erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen», sagt er. Ziel sei, 80 Prozent der Fälle vor Ort zu lösen. Die übrigen Patienten werden ins Spital oder an Spezialisten verwiesen.
|
Die neue Praxis übernimmt einerseits Bieris Patientenstamm, andererseits jenen von Christoph Blum. Der ebenfalls 68-jährige Langenthaler Arzt gibt seine Praxis Ende Oktober auf. Die «Haslipraxis» ist jedoch für drei Hausärzte konzipiert. Da Bieri möglichst bald aufhören möchte, werden zurzeit weitere Ärzte gesucht. Das könnten zwei Ärzte mit 100-Prozent- Pensen sein, möglich seien jedoch auch mehrere Ärzte mit Teilzeitpensen, sagt der 39-jährige Leuenberger. Bieri ergänzt: «Es gibt diverse ausgebildete Fachärztinnen, die gerne Teilzeit arbeiten möchten.» Leuenberger gibt zu, dass sie die Suche nach neuen Ärzten etwas unterschätzt hätten. «Vielleicht gibt es Ärzte, die abwarten, bis die Praxis läuft.»
Ein zukunftsgerichtetes Modell
Neben der heute eröffneten Praxis mit sechs Behandlungszimmern für drei Fachärzte bestehen im Gebäude an der St. Urbanstrasse nochmals gleich viele Räume für eine weitere Praxis. «Wir wollen erweitern, die Gebiete sind je nach Interessenten offen», sagt Widmer. Möglich seien zum Beispiel Augen- oder Frauenärzte. Gerade Augenärzte seien im Oberaargau gefragt. Aus wirtschaftlicher Sicht sei das SRO natürlich interessiert, die Räume möglichst schnell zu nutzen. Grösste Herausforderung in der neuen Praxis ist laut Leuenberger zurzeit die Informatik. Die Krankenakten aller Patienten werden künftig digitalisiert, Ziel sei eine papierlose Praxis, sagt er.
Zudem sollen Röntgenaufnahmen in Zukunft auf dem Bildschirm angeschaut und mit den Patienten besprochen werden. Allerdings werden Röntgenaufnahmen, EKG-Untersuchungen oder Laboranalysen im nahe gelegenen Spital vorgenommen. Die Hausärzte betonen jedoch: «Die Daten werden vertraulich behandelt und medizinische Unterlagen werden nur im Einverständnis des Patienten ans Spital weitergeleitet. » Das bedinge, dass die EDV der «Haslipraxis» von jener des SRO getrennt funktioniere, so Leuenberger. Die beiden Hausärzte sprechen von einem zukunftsgerichteten Modell, das für junge Ärzte interessant sei. Sie starten heute jedenfalls voller Elan in die neue Hausärzte-Ära Langenthals. Einziges Problem ist zurzeit noch die unbefriedigende Parkplatzsituation rund um das Gebäude. Bieri hofft diesbezüglich auf die Hilfe der Stadt.
© Langenthaler Tagblatt, 04.10.2011
|