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Faszinierende Medizin Unter dem Motto «Faszinierende Medizin» organisiert das Regionalspital Oberaargau diverse Vorträge. Den Anfang machte Kasia Clavadetscher, Leitende Ärztin der Frauenklinik. mit dem Vortrag zum Jubiläum der «Pille».
Dass sie im Publikum keine Teenager sah, könne bedeuten, dass die Jungen gut informiert seien, folgerte Kasia Clavadetscher. «Je mehr ich mich ins Thema Pille eingelesen habe, desto faszinierender war das», schwärmte die Frauenärztin. Im Alten Ägypten hätten Krokodilkot-Zäpfchen Frauen vor unerwünschten Schwangerschaften schützen sollen. Urvölker hätten viele Pflanzen gehabt, von denen man sich die gleiche Wirkung erhoffte. Im Mittelalter habe man Frauen empfohlen, Hasenurin zu trinken. Die brutalste Methode waren Kindstötungen. «Petersilie hilft dem Mann aufs Pferd, den Frauen unter die Erd», nannte Clavadetscher ein altes Sprichwort. Männer würden durch die Petersilie sexuell angeregt, Frauen dagegen benutzten sie als Abtreibungsmittel. Häufig angewendet sei früher der Coitus interruptus worden, der unterbrochene Geschlechtsverkehr, auch «Rückzieher» genannt. Ab dem 16. Jahrhundert habe man Kondome gekannt. «Sie waren teuer, schützten aber vor Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten», sagte die Ärztin und nannte «Herzensbrecher Casanova» als Kondomverwender des 18. Jahrhunderts.
Gräfenbergs «G-Punkt» Kasia Clavadetscher schilderte in ihrem Vortrag auch die Arbeiten des 1881 geborenen deutschen Gynäkologen Ernst Gräfenberg. Er wurde bekannt durch sein Studium der weiblichen Geschlechtsorgane im Hinblick auf den Orgasmus. Nach ihm sind die Gräfenberg-Zone («G-Punkt», Stelle in der Scheide, die empfindlich auf Stimulation reagiert) und der Gräfenberg- Ring benannt, ein mit Silberdraht umwickelter Ring, der wie die Spirale zur Verhütung in die Gebärmutter eingeführt wird. In Europa wurde zu jener Zeit, so die Frauenärztin, in vielen Broschüren die Enthaltsamkeit gepriesen.
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Fast gleichzeitig mit Gräfenberg war Margaret Sanger in Amerika «in Sachen Aufklärung sehr aktiv». Sie war Krankenschwester und Frauenrechtlerin. «Ihre Mutter hatte 18 Schwangerschaften. Elf Kinder überlebten. » Für die Entwicklung der Pille seien auch Carl Djerassi und Gregory Pincus bekannt geworden. Die Antibabypille sei «im liberalen Puerto Rico» entwickelt und getestet worden, ehe sie am 18. August 1960 in den USA auf den Markt kam und ein Jahr später in Europa, «wo Geistliche einen Moralzerfall befürchteten».
Vor- und Nachteile der Pille «Das Brustkrebsrisiko wird durch die Antibabypille nicht verändert», hielt Clavadetscher bei der Aufzählung der Vor- und Nachteile fest. Durch die Einnahme der Pille könnten Menstruations- und Rheumabeschwerden reduziert werden. Sie verschreibe die Pille auch jenen Frauen, die nicht unbedingt während der Ferien oder während einer Prüfung von Mens-Krämpfen geplagt sein wollten. Stoppen müsse man die Pille bei Migräne. Sie verschreibe die Pille zudem nicht an über 45-jährige starke Raucherinnen, die übergewichtig sind. Diese schütze nicht vor Syphilis oder HIV (Aids) und werde zuweilen als Thrombose-Risiko betrachtet. Clavadetscher relativierte dies und verwies auf die jährlich 300 bis 400 Verkehrstoten in der Schweiz. Die Frauen müssten sich entscheiden zwischen allfälligen Nebenwirkungen und einer Schwangerschaftsverhütung.
Die Ärztin, die auch eine eigene Praxis betreibt, nannte weitere Verhütungsmethoden wie Pessar, Evra- Pflaster, Pille danach und Minipille – mit entsprechenden Kommentaren. «Vieles wird erforscht, man hört immer wieder etwas, aber auf den Markt kommt es dann doch nicht», so Clavadetscher zu neuen Verhütungsmethoden für den Mann. Generell habe sie während ihrer siebenjährigen Praxistätigkeit in Sachen Schwangerschaft zwei Probleme festgestellt: «Frauen, die unbedingt ein Kind wollten und keines bekamen – und Frauen, die schwanger wurden und dies nicht wollten.»
© Langenthaler Tagblatt, 21.10.2010 |